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Thersites – Schmäher aller Kriege, ihrer Feldherren, ihrer Propagandisten und ihrer Professoren

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Zum Ende der Seite springen Thersites – Schmäher aller Kriege, ihrer Feldherren, ihrer Propagandisten und ihrer Professoren
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Lonicera Lonicera ist weiblich
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Thersites – Schmäher aller Kriege, ihrer Feldherren, ihrer Propagandisten und ihrer Professoren Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

"Drei Jahrtausende ist das nun schon her. Sie lagen seit neun Jahren vor Troja, sie, die Soldaten der großgriechischen Wehrmacht. Die Pest war über sie hereingebrochen. Sie wollten zurück nach Hause, weg von den unwirtlichen Gestaden des Feindeslandes.
Zwecks Gesinnungsprüfung wurde eine Heeresversammlung einberufen. Dort erhob sich – das hatte es noch nie gegeben – der einfache Soldat Thersites. Er klagte den König und obersten Feldherrn Agamemnon an: Dem gehe es nur um Beute, die Söhne der Griechen führe er ins Unglück, sie sollten zu den Schiffen eilen und zurück nach Hause segeln. Das war Meuterei – die erste in der Geschichte des Abendlandes, das schon damals fern des eigenen Herdes verteidigt wurde.
Wer mitmachte, bekam es sogleich mit Odysseus, dem Chef der wehrgeistigen Führung, zu tun. Agamemnon hatte ihm sein Zepter übertragen.

Frontberichterstatter Homer:

»Welchen lärmenden Mann des niedrigen Pöbels er antraf,
Diesen schlug sein Zepter, und diesen straft' er mit Worten:
Still du! Rühre dich nicht und höre Befehle von andren,
Welche tapferer sind; unkriegerisch bist du und feige,
Wirst für nichts in der Schlacht, für nichts im Rate gerechnet.
Werdet ihr alle zugleich allhier, ihr Griechen, befehlen?
Vieler Herrschaft taugt nicht im Kriege! Einer sei Feldherr,
Einer König, welchem der göttliche Sohn des verschlagnen
Kronos Zepter und Rechte gegeben, damit er herrsche!«

Kriegsberichterstatter Homer hat das etwas kompliziert und allzu versfüßig formuliert – er wollte nur sagen, dass Odysseus auf die murrende Truppe einschlug und den Standpunkt der Oberbefehlshabenden allen klarmachte: Sie sollten sich gefälligst nicht als wehrunwürdig erweisen, demokratische Sperenzchen finden hier nicht statt.
Und dann wurde mit Thersites abgerechnet, Odysseus streckte ihn mit dem Zepter nieder.
Ein Zepter – das Zeichen der königlichen Würde – bestand damals aus fest zusammengebundenen Ruten, die man auf römisch »fasces« nannte, daraus erblühte Jahrtausende später der Faschismus.

Die Thersites-Szene im Zweiten Gesang der Ilias war damals schon ein Meisterstück jener psychologischen Kriegführung, die heute in Strausberg bei der Bundeswehr voll erblüht ist, wir kommen noch drauf.
Odysseus: »Denn von allen, die gegen Troja zogen, / ist nicht einer schlechter als du! / Ich rate dir, schmähe nicht die Könige, / nenne sie nicht und schweig von der Heimfahrt.«
Die anderen Krieger waren längst von Aufrührern gegen die Herrschaften zu einer Pegida gegen den noch Schwächeren geworden.
Und am Ende jubelte dieses Volk Odysseus zu, der mit Agamemnons Zepter Thersites blutig geschlagen hatte: »Traun! Odysseus ist reich an edlen Taten! Im Kriegsrat / ist er berühmt, berühmt als Feldherr, Heere zu ordnen / Aber von allem, was er getan, ist dennoch das Beste / Dass er die schmähende Zunge des lästernden Schwätzers geschweiget.«
Den Kritiker Thersites zum Schweigen, ihn zum Verstummen bringen – das ist ihre Lieblingsbeschäftigung bei ihren weltweiten Einsätzen. Und das Volk, das er warnte, verhöhnte ihn und jubelte den Feldherren zu, die ihn blutig geschlagen hatten.
So dichtete Homer, von dem wir nicht wissen, ob es ihn überhaupt gab. Aber wenn es ihn gab, wenn er dies wirklich so geschrieben, dann, dessen bin ich sicher, war er ein »Embedded journalist«, ein Mitglied der Propagandakompanie des Königs Agamemnon und seiner obersten Heeresleitung. ..."

Weiterlesen unter
https://www.jungewelt.de/beilage/art/3772

__________________
Frieden ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Frieden
(Bertolt Brecht)

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Lonicera: 29.01.2015 19:26.

29.01.2015 19:20 Lonicera ist offline Beiträge von Lonicera suchen Nehmen Sie Lonicera in Ihre Freundesliste auf
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RE: Thersites – Schmäher aller Kriege, ihrer Feldherren, ihrer Propagandisten und ihrer Professoren Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

PK
Selbstverständlich las auch ich früher irgendwann die Ilias, kam allerdings nicht im Entferntesten auf die Idee, die Darstellung der von Homer beschriebenen Personen und Ereignisse zu hinterfragen oder gar nach Parallelen zur Gegenwart zu suchen.
Otto Köhler, der 80jährige Hamburger Publizist tat genau dies, und das Ergebnis ist ebenso lesens- wie bedenkenswert.

Der Schlusssatz seiner glänzenden Rede auf der XX. Rosa-Luxemburg-Konferenz ist zugleich Bekenntnis und Aufruf, denen ich mich aus ganzem Herzen anschließe:

" .... Und darum wollen wir den Herrschenden dieses Landes eines garantieren: Mit uns könnt Ihr nicht rechnen. Wir alle hier sind Thersites: Schmäher aller Kriege, ihrer Feldherrn, ihrer Propagandisten, ihrer Professoren und jenes Bundespräsidenten, der uns diese Kriege bescheren will."

__________________
Frieden ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Frieden
(Bertolt Brecht)

29.01.2015 19:22 Lonicera ist offline Beiträge von Lonicera suchen Nehmen Sie Lonicera in Ihre Freundesliste auf
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