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Berlin - Wladiwostok per Rad

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Lonicera
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Diese kurze Überlandfahrt hat sich Uwe Meißner vorgenommen und berichtet darüber in der Zweiwochenzeitschrift "Ossietzky" .
Offenbar ist er immer noch rüstig unterwegs, sein vorläufig letzter Text beschreibt Tatarstan.
Aber bis Wladiwostok ist es trotzdem noch ziemlich weit!
Mir gefällt sein unvoreingenommener Blick auf Land und Leute.
Weshalb ich zumindest versuchen werde, hier im Nachtrab seinen (Rad)Spuren zu folgen.

Nachstehend die ersten Links ins Ossietzky-Archiv - der für Tatarstan wird erst in zwei Wochen freigeschaltet.
Sie führen leider erst mal nur in die Rubrik "Bemerkungen" (die sämtlich zu lesen sich allerdings auch lohnt), danach muss man nach unten rollen, um stets ziemlich am Ende den Meißner-Text zu finden

Polen:
http://www.ossietzky.net/13-2013&textfile=2333

Ukraine:
http://www.ossietzky.net/14-2013&textfile=2347

Russland:
http://www.ossietzky.net/15-2013&textfile=2358
03.08.2013 17:32
Lonicera
unregistriert
RE: Berlin - Wladiwostok per Rad Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Hier einige Fortsetzungen:

Tatarstan I:
http://www.ossietzky.net/16-2013&textfile=2372

Tatarstan II:
http://www.ossietzky.net/17-2013&textfile=2388

Ural:
http://www.ossietzky.net/18-2013&textfile=2404

Sibirien I:
http://www.ossietzky.net/20-2013&textfile=2437
30.10.2013 20:25
Lonicera
unregistriert
RE: Berlin - Wladiwostok per Rad Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Kransojarsk - Sima

Lesen unter
http://www.ossietzky.net/23-2013&textfile=2485

"... Undenkbar in Deutschland: Die Besitzerin des Fahrradgeschäftes schloß für ein paar Minuten ihren Laden, um mich zu dem versierten Alten mit der Werkstatt auf dem Markt zu bringen. Hinterher lud man mich zu Tee und Gebäck in den Aufenthaltsraum des Geschäftes ein, während vorn weiterverkauft wurde. Es geht eben alles ein bißchen menschlicher in dem vom Kapitalismus noch nicht bis ins letzte Glied geknebelten Sibirien vor sich.

Auch der nächste Hotelwirt an der Trasse erwies sich als weitherzige Seele, obwohl er noch nie die Landesgrenzen verlassen hatte. Fast unmittelbar nach meiner Ankunft schickte er sich an, kostenlos die Banja für mich zu heizen; mein Fahrrad schloß er aus Mangel an Alternativen bei sich im Büro ein, und am nächsten Morgen erschien er früher als gewöhnlich, damit ich ohne Verzögerung weiter konnte.

Während der Etappe, besonders zwischen Taischet und Nischneudinsk, erhielt ich einen Vorgeschmack auf die fehlenden Versorgungspunkte entlang der Trasse. Auf 160 Kilometern gab es nur eine Raststätte. Autoreisende und Verkaufspersonal reagierten etwas ungläubig, musterten mich wie einen Außerirdischen, bis sie mein Fahrrad entdeckten.

In Sima – zu deutsch: Winter – sind im Hotel alle Plätze belegt. Meine die russische Mentalität und Sprache nicht kennenden beziehungsweise beherrschenden Radfahrerkollegen würden jetzt weiterfahren, den Körper und die Seele strapazieren, an die Substanz gehen. Ich bleibe. Schließlich schlägt der Wirt vor: Er könne ja mal mit einer Familie sprechen, die zwei Zimmer bewohnt und über vier Betten verfügt. Und richtig: Die Chabarowsker räumen, obwohl nur durch eine dünne Glastür getrennt, das geräumigere Vorderzimmer und schränken sich lautlos ein. Die Frau ermahnt die Kinder, leise zu sein, nicht zu stören. Ein warmer Hauch von Erinnerung streift mein Gemüt: Ja, so sind auch wir mal erzogen worden … "
23.11.2013 15:19
Lonicera
unregistriert
RE: Berlin - Wladiwostok per Rad Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

In Irkutsk, heißt es, verbieten die Stadtväter den rasanten Neubau im Stadtzentrum, versuchen das alte Stadtzentrum zu erhalten. Tatsächlich existiert ein wunderbar restaurierter Altstadtteil, der Bezirk 130, mit abwechslungsreich gestalteten Häusern in traditionell russischer Holzbauart. Doch schon im Nachbarbezirk wird der Mangel sichtbar: immer wieder zerfallende Altbausubstanz oder dürftig erhaltene Wohn- und Geschäftsbereiche. Die Menschen darin geschäftig. Als ich eine weibliche Obdachlose um eine Auskunft bitte, stürzen zu aggressiver Verteidigung bereite Weggefährten aus ihren Unterschlüpfen und lassen sich nur durch den Hinweis auf meine Recherchetätigkeit im Auftrag der Presse beruhigen. Sofort verändert sich ihre Haltung, bestürmen sie mich mit dem Anliegen, für ihre Rechte, den Erhalt einiger Parkbänke, die einem Neubau weichen sollen, zu kämpfen.

Viele Baustellen in Irkutsk werden von Chinesen betrieben. Es heißt, die Russen überlassen die einfache Arbeit gern den Ausländern. Das kommt mir bekannt vor.

Der Weg zum Baikal ist hart, aber die Aussicht auf das in die Berglandschaft eingeschnittene Tal mit seinen vereinzelten Ansiedlungen beeindruckend. Ich bin erstaunt (und enttäuscht) von der Unzugänglichkeit dieser Region. Die Menschen in den angrenzenden Ortschaften und die Wohnsubstanz spiegeln in keiner Weise die Anerkennung des gesamten Landes als besondere Region wider. Vieles wirkt auf mich ärmlich, gedrückt. Selten finde ich einen Hinweis auf eine Zufahrt zum Strand. Die Ortschaft Baikalsk passiere ich ohne Zwischenaufenthalt. Schließlich muß ich, bevor die Trasse nach Osten abbiegt, ein paar Kilometer zurückfahren, um überhaupt mal im Baikal gebadet zu haben. Zwei mir beschriebene, zu einem Sandstrand führende Zugänge habe ich nicht gefunden, ansonsten ist das Ufer steinig, die Wellen zu hoch, um sich dort zu erfrischen. Aber ich habe geräucherten Omul gegessen, die hiesige Fischspezialität.

In der Baikalregion treffe ich auf außergewöhnliche Nächtigungsumstände. Das Hotel, das mir in Tanchoi empfohlen wird, entpuppt sich als unbewirtschaftet. Die Gäste bedienen sich selbst. Für Bauarbeiter ist es gut genug. Für mich auch. Die Arbeiter, von meinem Reisevorhaben in Kenntnis gesetzt, kümmern sich rührend um mich, heizen mit dem Tauchsieder im Milchkübel mein Waschwasser, beköstigen mich. Ich beziehe Zimmer Nr. 9. Strom und Kanalisation funktionieren noch, ein unbezogenes Bett ist vorhanden.

Seit der Überfahrt in die Republik Burjatien habe ich kein Telefonnetz mehr. Das ist normal, sagen mir die Leute. In Ulan-Ude, der Hauptstadt der Burjaten, möchte ich meine nächsten Gastgeber vorinformieren, aber ich habe keinen Empfang. Hilfesuchend wende ich mich an Einheimische, zwei junge Männer. Techniker. Sie verstehen sofort. Das liegt nicht am Telefon. Zum Glück haben sie Zeit, laufen mit mir zum Netzanbieter. – Es ist einer der Alpträume der Moderne: Bei Vertragsschluß kann es den Telekommunikationsgiganten nicht schnell genug gehen, da wird gelächelt ohne Ende; bei Schwierigkeiten wird dir nur eine teure neue Variante vorgeschlagen, oder du wirst abgewimmelt. Angeblich sei mein Telefon zu simpel, um Signale zu empfangen. In Wirklichkeit besitzt »Beeline« in Burjatien nicht die erforderlichen Lizenzen zur Versorgung aller Kunden. Da ich mir kein neues (teures) Telefon kaufen will, wechsele ich den Anbieter, alles mit Hilfe der beiden. Hinterher bedanke ich mich bei meinen neuen Freunden mit einem Bierchen. Mein Gastgeber Alexej ist informiert, ich brauche bloß noch zu warten.

aus Ossietzky 24/13
03.03.2014 16:16
Lonicera
unregistriert
RE: Berlin - Wladiwostok per Rad Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Von Tschita nach Chabarowsk – 2000 Kilometer, die ich wegen der geringen Besiedlung und wenigen Versorgungsmöglichkeiten gefürchtet habe. Die Freundlichkeit und Solidarität, die ich unterwegs erfuhr, machten den Abschnitt für mich zum interessantesten.

In Sbega, einem sibirischen Dorf, verbrachte ich einen ganzen Tag. Ich entschloß mich, den russischen Schulbetrieb in Augenschein zu nehmen. Direktor und Lehrerkollegium waren spontan dazu bereit, mich in den Unterricht zu integrieren. Nach einer Fragerunde in der Schulbibliothek beteiligte ich mich aktiv am Sportunterricht. Daß es immer wieder Deckungsgleichheiten im Zustand unserer Gesellschaften gibt, konnte ich feststellen, als ich die Anwesenheit einer 10. Klasse wahrnahm: einige Schüler waren »Geld anschaffen«, einige zogen berufsorientierte Praktika vor, einige schwänzten, so daß sie nur zu siebent waren.

In Amasar, 200 km weiter, wurde ich gebeten, interessierten SchülerInnen der 11. Klasse Rede und Antwort zu stehen. Der Empfang war grandios: Auf den Stufen des Schulgebäudes standen die Jugendlichen Spalier und applaudierten bei meinem Eintreffen. Der Klassenraum war wie zur Teestunde vorbereitet, und die Fragen wollten kein Ende nehmen. Meine Besuche in Schulen oder Bildungseinrichtungen wiederholten sich noch zweimal, ich hätte sie öfter haben können, aber die Zeit drängte.

Da Hotels auf diesem Abschnitt rar sind, ergaben sich die unterschiedlichsten Übernachtungsmöglichkeiten: Feuerwehr, Stadion, Clubhaus, Journalistenwohnung, Sportschule und Wohnheim der Straßenbauverwaltung. Schlief ich im Hotel, teilte ich mein Zimmer mit anderen Reisenden.

Vor Magotschi setzte sich eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, die einen Hotelplatz für mich gebucht hatte, mit mir in Verbindung. Die Angestellte, eine schlecht bezahlte verheiratete junge Frau, lebte selbst im Wohnheim und versuchte verzweifelt mit ihrem Mann, das Grundkapital für eine Eigentumswohnung, wie es in Rußland üblich ist, zu ersparen. Die finanziellen Verhältnisse der Menschen im Fernen Osten sind zum Teil katastrophal. Wer eine Arbeit hat, muß sich mitunter mit weniger als umgerechnet 200 Euro Monatslohn zufrieden geben bei annähernd gleichen Warenpreisen wie in Deutschland. Die Sehnsucht derer, die dieser Lage entfliehen wollen, bleibt unerfüllt.

Doch wenn du als Ausländer zu Gast bei Russen bist, wollen sie sich, das ist bei uns nicht anders, von der besten Seite zeigen. Sie stellen dir (oft) ihr bestes Zimmer zur Verfügung, tafeln auf, wollen dir die Sehenswürdigkeiten ihrer Ortschaft zeigen. Sie wollen wissen, wie du über sie denkst und was dich antreibt, hier unterwegs zu sein. Die Medien, die auch im Fernen Osten über Neuigkeiten unterrichten, fallen da nicht aus dem Rahmen. Meiner Bereitschaft, Rede und Antwort zu stehen, entsprachen sie oft mit großzügigen Hilfsangeboten: Da wurde mir in Schimanowsk und Bjelogorsk neben der Unterkunft ein Auto mit Chauffeur zu Diensten gestellt, um mich mit der Stadt bekanntzumachen. Bei eventuellen Problemen mit dem Rad wurde Hilfe angeboten, noch Tage später erkundigte sich eine Journalistin nach meinen Übernachtungsmöglichkeiten. Es wurden offizielle Essen veranstaltet und Präsente verteilt, so daß ich mir beim Austausch der Aufmerksamkeiten mit meinen Berlinaufklebern fast kläglich vorkam. Manchmal fragte ich mich, wie ich dazu komme, und ich weiß es bis heute nicht ganz. Aber ich weiß, daß mir das Interesse für das Leben der Menschen und die Kenntnis ihrer Sprache viel ermöglichten.

aus Ossietzky 2/14
03.03.2014 16:22
Lonicera
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RE: Berlin - Wladiwostok per Rad Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Es ist vollbracht, die letzte Etappe nach Wladiwostok vollendet: In Chabarowsk wurde ich von der Studentenvertretung der staatlichen Pazifikuniversität TOGU empfangen und zu meinen Reiseeindrücken befragt. Journalistik-aspiranten nutzten die Gelegenheit zu Filmaufnahmen. Außerdem folgte ich dem Mailvorschlag von Iwan, einem Chabarowsker Fahrradmechaniker, mein Rad für die letzte große Etappe auf Vordermann zu bringen. Gemeinsam haben wir zum zweiten Mal das Hinterrad zentriert, die Fahrradmäntel getauscht und die Bremsen eingestellt. Ich habe meinen vierten (!) Fahrradständer erhalten.

Nach Chabarowsk drohte mich eine erste Kältewelle zu erfassen, doch gut 100 Kilometer weiter südlich, in Wjasemskij, spürte ich einen neuen Warmluftstrom. Bikerfreund Dima hatte zudem mit Vater Georgij meine Unterbringung in den Räumlichkeiten der örtlichen Kirche vereinbart.

In Bikin wurde ich von einem jungen, noch alleinstehenden Lehrer beherbergt, dessen Bekannte bereits in Deutschland Kontakt mit mir aufgenommen hatte. Mich selbst unterzubringen scheute sie sich wegen dem Gerede der Nachbarn, da sie mit einem abwesenden Offizier verheiratet ist. Aljona wollte als Deutschlehrerin ohne Praxis Deutsch praktizieren; wir saßen alle drei lange beisammen.

In Lutschegorsk schlief ich auf einem Bauernhof. Eine Studentin der TOGU hatte mir die Adresse der Eltern vermittelt. Ein Bursche, der auf dem Bauernhof aushalf, steckte mir eine Dalnoretschensker Adresse zu. Dann legte er mir eine Hand auf meine Schulter und dankte Gott mehrfach für unsere Begegnung.

Kirowskij beherbergt alle für eine Kreisstadt notwendigen Einrichtungen: Verwaltung, Post, Telegrafenamt, Schule, Institut, Stadion, Kulturhaus, Museum, Kirche und sogar einen eigenen Verlag. Aber außer einer modernen Milchverarbeitungsanlage gibt es keine Produktionsanlagen mehr. Damit teilt die Stadt das Schicksal vieler Ortschaften, deren materielle Grundlagen nach der Perestroika weggebrochen sind. Daß es die Kirowsker trotzdem schaffen, das gesellschaftliche Leben aufrechtzuerhalten, hat die Stadt Leuten wie der Journalistin Margarita Pawlowna Shukowa zu verdanken. Als die Stadtverwaltung die Mittel für die zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung einstellte, übernahm Margarita den Verlag samt Mitarbeitern. Doch die Zeitung mußte zugunsten einträglicherer Formular- und Wirtschaftsdrucke zunächst zurückstecken. Inzwischen läuft die Zeitungsproduktion wieder.

Die letzte Nacht vor Wladiwostok verbringe ich in Ussurisk bei einem jungen Ehepaar mit deutschen Wurzeln. Sie wollen nach Deutschland ausreisen, bemühen sich, mit mir Deutsch zu sprechen.

Natürlich bin ich zuletzt etwas aufgeregt, aber über den mangelnden Schlaf rettet mich die Vorfreude auf das Ziel. Und dann sehe ich ihn: den Pazifik. Vor Wladiwostok mit einer Bucht, eingekeilt von einer letzten Hügelkette. Immer wieder nimmt Radio Lemma, das wöchentlich über meine Annäherung an den Endpunkt berichtet hatte, Kontakt auf: »Wann erreichst du die Brücke, die einen Kilometer übers Wasser bis an den Rand der Stadt reicht?«, fragt Sascha, meine ständige »Begleiterin«. Bis zuletzt sträubt sich der Wind, dieser Hauptfeind neben den russischen Autofahrern, doch ich lache ihm frech ins Gesicht. Es ist noch früh am Nachmittag, und nichts kann mich mehr aufhalten. Es ist ein wunderbares Gefühl.

aus Ossietzky 3/14
17.03.2014 11:27
Lonicera
unregistriert
RE: Berlin - Wladiwostok per Rad Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Wladiwostok
ist die letzte Station meiner halbjährigen Reise. Wladiwostok ist eine schöne Stadt, vielleicht die schönste und interessanteste neben Moskau, Nowosibirsk, Krasnojarsk und einigen kleineren Städten mit eigenem Charme. Das starke Straßengefälle zwischen den Hügeln würde mich an San Francisco erinnern, wenn ich dort gewesen wäre. Das spezifisch Russische: Die Gefährlichkeit mancher Verkehrswege, die im Unterschied zu der teils übertrieben gesicherten Trasse zwischen Tschita und Chabarowsk ungesichert sind.

Ansonsten merke ich wieder einmal, daß ich meine Reise zur richtigen Zeit gestartet habe: Nicht nur der Abschnitt Tschita – Chabarowsk ist seit dem Besuch Putins leichter befahrbar und ungefährlicher geworden (damit ist nicht der Straßenverlauf gemeint), auch der bauliche Zustand von Wladiwostok, die Verbindung zwischen den zuvor teils nur umständlich zu erreichenden Teilen der Stadt sowie die gesamte Infrastruktur haben sich verbessert. In Vorbereitung des im September 2012 in Wladiwostok stattgefundenen Gipfeltreffens der Pazifikanrainerstaaten wurden drei gigantische Brücken gebaut, die die Entwicklung zu einer modernen Stadt beschleunigten. Die häufig im Jugendstil errichteten Häuser im Stadtkern der gerade mal 150 Jahre alten Stadt wurden saniert, neue Kaufhäuser und andere Geschäfte eröffnet, unterschiedlich gestaltete Hochhäuser auf den Hügeln gebaut. Sogar den von mir so geliebten Latte macchiato bekomme ich hier in vielen netten Cafés.

Wladiwostok besitzt mehrere Strandpromenaden, immer wieder verändert sich die Ansicht, wenn man um eine Ecke biegt. Das liegt vor allem an den Hügeln von bis zu 200 Metern Höhe, auf und an denen die Stadt gebaut ist.

Mit meinen Gastgebern fahre ich auf die Russeninsel, wo eines der größten Universitätsgelände der Pazifikregion (Rußland und Gigantomanie sind Synonyme) entstanden ist. Durch das mit modernem technischen Equipment (Infobildschirme, eigene Bankfiliale für Studenten …) ausgestattete Hauptgebäude gelangen wir in ein weitläufiges Parkgelände, das am Strand endet. Hier erfüllt sich endlich mein Wunsch, im Stillen Ozean zu baden. Es ist dies der Höhepunkt meiner Reise und gleichzeitig ein Abschied.

Schnell noch meine Versprechen einlösen: Das Treffen mit einer Journalistin von Argumente und Fakten findet in einer »Bäckerei«, einem an deutschen Traditionen orientierten Backwarengeschäft, statt. Der Besitzer hat eine interessante Idee aufgegriffen, ohne seine Mitarbeiter darüber zu informieren, daß Donuts keine deutsche Spezialität sind.

Zu einem allerletzten Treffen mit einem Fahrradfreak reicht die Kraft, dann entziehe ich mich vorerst dem Fremdinteresse, will nur noch das Ende meiner Anstrengungen auf einem Vorposten des Paradieses genießen.
Uwe Meißner

aus Ossietzky 6/14

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Lonicera: 17.03.2014 11:31.

17.03.2014 11:29
Lonicera
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Wladiwostok – Berlin per Bahn Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Die Transsibirische Eisenbahnstrecke mißt 9288 Kilometer von Wladiwostok bis Moskau; bis Berlin kommen noch mal 2000 Kilometer dazu. Ich habe die Trasse oft gesehen, mit dem Rad passiert, bin an ihr entlanggefahren, habe neben ihr gezeltet und viele hilfsbereite Menschen entlang der Strecke kennengelernt. Jetzt will ich mich von Land und Leuten würdig verabschieden. Ein Flug erschiene mir unangemessen.

Vor gut zwanzig Jahren war eine Bahnfahrt durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine hochinteressante Angelegenheit. Die Menschen zogen mit ihrem Hab und Gut durch die Lande, suchten im Handel ihr Glück, da die Produktion allerorten zusammenbrach. Das machte mitteilsam: Kaum eine Mahlzeit, die man in den gemütlichen Vierer-Kupees allein einnahm. Problemlos hätte man ohne Eigenversorgung reisen können.

Jetzt bin ich zunächst ganz von den Abschiedsbegegnungen entlang der Strecke gefesselt. Immer wieder stehen meine ehemaligen Gastgeber trotz empfindlicher Minusgrade am Bahnsteig, um mir Eier, Fleisch, Piroggen, Eingewecktes oder Andenken zu überreichen. Die 11. Klasse des Amasarer Gymnasiums entrollt ein Plakat, das mir zum »Sieg« gratuliert; in Krasnojarsk schenkt man mir meine Lieblingscremetorte. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Lebensmittel zu verteilen, will ich sie nicht wegwerfen. Ich gehe dazu in den Platzkartenwagen, den »Billigwaggon«, wo keine Türen zwischen den dünnen Hartfaserwänden der Abteile existieren. ... Schließlich stelle ich die Lebensmittelfuhre zwischen ein paar »Ausländer«, Tadschiken oder Usbeken, Gastarbeiter, die mir sogar Geld dafür geben wollen. Lächelnd lehne ich ab.

Ein nochmaliges Treffen mit meinem Wirt aus Ulan-Ude beschämte mich. Der in Deutschland geborene Offizierssohn war inzwischen in meiner Heimat auf Urlaub und Spurensuche gewesen, hatte in einem Friedrichshainer Hostel gewohnt. »Und«, fragte ich ihn, »wie war die Gastfreundschaft? Hast du interessante Begegnungen gehabt?« »Leider nein«, antwortete er, ohne enttäuscht zu wirken. »Die Menschen hatten alle keine Zeit. Aber es war trotzdem schön …« ...

Selbstverständlich gab es interessante Begegnungen im Zug. Auch wenn keiner wie ich die ganze Strecke (etwa zehn Tage) abfuhr – ab 24 Stunden Zugfahrt, behaupte ich mal, entwickelt der Mensch das natürliche Bedürfnis, sich mitzuteilen. Ich habe – auch 20 Jahre nach der Perestroika – meine Mahlzeiten nicht immer allein einnehmen müssen, den Abend mit einem Gläschen Wodka beschließen können. So schnell krempelt der allmählich das Riesenreich erfassende Kapitalismus die Gewohnheiten der Menschen nicht um. Ich wage sogar zu behaupten, daß es nie ganz gelingen wird. Und ich hoffe es, denn die Botschaft, die ich aus den fernöstlichen und sibirischen Weiten mit nach Hause bringe, steht mir am Ende meiner Reise deutlicher denn je vor Augen: Mögen die russischsprachigen Völker von dem immer noch hochgeschätzten Deutschland Impulse zur Vervollkommnung des materiellen Wohlstandes empfangen, wir können von der »weiten russischen Seele«, der Wärme und Herzlichkeit, ihrer Mitmenschlichkeit lernen oder »profitieren«, um ein gebräuchlicheres Wort zu nutzen. Ich habe meine Radtour nur deswegen so meistern können, weil sich mir hilfreiche Hände entgegenstreckten.

In Moskau steige ich um, das Zugabteil nach Berlin ist komfortabler, ich muß es mit niemandem teilen, aber ich bin auch allein! Wie zum Ausgleich hat man ins Abteil einen Spiegelschrank eingebaut, in dem Gläser und eine Glaskaraffe zum Alkoholgenuß einladen. Armseliger Ersatz, denke ich, schließe den Schrank und greife zu meinen Büchern, die mir die Zeit bis zur Ankunft am Berliner Hauptbahnhof verkürzen."
Uwe Meißner

aus Ossietzky 7/14
29.03.2014 13:45
Waldi Waldi ist männlich
Routinier


Dabei seit: 29.12.2013
Beiträge: 447

Level: 35 [?]
Erfahrungspunkte: 729.597
Nächster Level: 824.290

94.693 Erfahrungspunkt(e) für den nächsten Levelanstieg

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Eine Erzählung ... wie ein Umzug 1989, von der DDR ins neue/alte Deutschland.


Der Waldi
30.03.2014 10:51 Waldi ist offline E-Mail an Waldi senden Beiträge von Waldi suchen Nehmen Sie Waldi in Ihre Freundesliste auf
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